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Gedenkveranstaltung für den 27. Januar
Diese Gedenkveranstaltung
ist konzipiert für Schülerinnen und Schüler ab der 9. Jahrgangsstufe
an weiterführenden Schulen (Realschule, Gymnasium), als auch für
entsprechende Lerngruppen aus dem außerschulischen Bereich.
Die Dauer beträgt ca. 20
Minuten.
Mit dieser Gedenkveranstaltung
können Schülerinnen und Schüler die Erlebnisse zweier
Holocaustüberlebender und ihrer Familien mitverfolgen: Zwi Bacharach
aus Deutschland und Hannah Weiss aus Italien.
Vorbemerkung
Als mit Endes des zweiten
Weltkriegs deutlich wurde, dass die Nazis und ihre Verbündeten
während des Holocaust systematisch annähernd sechs Millionen Juden
ermordeten hatten, standen die, die den Holocaust überlebt hatten,
vor einem unendlich schwierigen Neuanfang. Sie mussten mit
Erinnerungen zu recht kommen, welche ihr Leben für immer veränderten.
Da viele Überlebende nicht
über ihren Leidensweg sprechen wollten oder konnten, werden wir nie
ihre Geschichte erfahren. Andere fühlten sich verpflichtet, ihre
Erfahrungen als Vermächtnis an die zukünftigen Generationen weiter zu
geben.
Zum Ablauf
Wir schlagen vor, den
gesamten Text der Gedenkveranstaltung mit verteilten Rollen zu lesen.
Benötigt werden drei Sprecher/innen
Sprecher/in 1: Rahmentext
Sprecher/in 2: Erinnerungen
von Zwi Bacharach Sprecher/in 3: Erinnerungen
von Hannah Weiss
Zum Einstieg könnte ein
passendes Musikstück life oder per Tonträger dienen oder ein kurzer
Text vorgetragen werden (z. B. von Primo Levi, Elie Wiesel, Ruth
Klüger oder Selma Meerbaum-Eisinger).
Die
Gedenkveranstaltung
[Sprecher/in
1]
Zwischen 1933 und 1945
haben die Nazis und ihre Verbündeten sechs Millionen Juden
umgebracht. Davon waren eineinhalb Millionen Kinder. Sie wurden
allein auf Grund ihrer jüdischen Identität zu den Opfern dieses
Völkermords.
Am 27. Januar 1945 wurde
das größte Konzentrations- und Vernichtungslager, Auschwitz/Birkenau
in Polen, von der sowjetischen Armee befreit.
Heute halten viele
verschiedene Länder überall in der Welt an diesem Tag einen Gedenktag
für die Opfer des Holocaust.
Im Januar 1933 lebten etwa
500.000 Juden in Deutschland. Ungefähr die Hälfte verließ Deutschland
zwischen 1933 und 1935 in Sorge und zunehmender Bedrängnis durch den
Anstieg des Antisemitismus und die Einführung der Nürnberger Gesetze
1935. Die Nürnberger Gesetze dienten als legale Grundlage für die
rassistische, antijüdische Politik in Deutschland. Juden mit drei
oder vier jüdischen Großeltern wurden als sogenannte Vollblut-Juden
definiert und systematisch aus dem Leben der deutschen Öffentlichkeit
und Kultur ausgeschlossen.
Zudem legitimierte diese
Gesetzesgrundlage antisemitische Ausschreitungen und Festnahmen, die
bereis in den Monaten zuvor stattgefunden hatten.
Professor Walter Zwi Bacharach
wurde 1928 in Hanau geboren. Zwi lebte mit seinen Eltern und seinem
Bruder in wohlhabenden Verhältnissen, bevor Hitler an die Macht kam.
Die Familie hielt sich an die jüdischen Traditionen und war
gleichzeitig stolz, deutsche Bürger zu sein. Zwis Mutter mochte die
deutsche Literatur, besonders Gedichte und Lieder von Heinrich Heine
oder Johann Wolfgang von Goethe. Der Vater hatte im ersten Weltkrieg
als Soldat gedient und war im Bankwesen tätig, später im
Versicherungsgeschäft. Die Bacharachs haben sich bewusst als Juden
und als Deutsche wahrgenommen.
Zwi erinnert sich:
[Sprecher/in
2]
„Meine Familie war nicht streng religiös,
aber traditionell – wir haben Schabbat und die jüdischen Festtage
eingehalten. Bis 1933 kann ich mich nicht an eine besondere Kindheit
erinnern. Damals hatte ich viele deutsche Freunde, bis zur Nazizeit.
Auch meine Eltern hatten viele deutsche Freunde. Einige deutsche
Juden waren gut integriert und hatten sich angepasst. Meine Mutter
war stark eingebettet in die deutsche Kultur – sie fühlte sich
deutsch und jüdisch zugleich. Sie war sich bewusst, dass wir Juden
waren, aber wir waren integriert. Mein Vater kämpfte als Soldat im
ersten Weltkrieg und erhielt Medallien in Anerkennung seiner
Verdienste. Wir waren eine typische deutsch-jüdische Familie –
unserer jüdischen Identität bewusst, aber deutschdenkend.“
[Sprecher/in
1]
In der Nacht vom 9. auf den
10. November 1938 wurden viele jüdische Häuser, Geschäfte und
Synagogen geplündert und in Brand gesteckt. Dieser Progrom, häufig
als Kristallnacht bezeichnet, wurde von den Nazis in
Deutschland und Österreich organisiert. Ungefähr 30.000 Juden, viele
von ihnen angesehene und prominente Bürger, wurden verhaftet und in
die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald
deportiert. Dort wurden sie so unmenschlich und brutal behandelt,
dass viele die KZ-Haft nicht überlebten. Unmittelbar während der
Ausschreitungen starben etwa 90 Juden. Angesichts dieser dramatischen
Ereignisse versuchten viele deutsche Juden, die bis dahin noch in
Deutschland geblieben waren, zu emigieren.
Diejenigen, die bei
Ausbruch des Krieges im September 1939 noch nicht geflohen waren,
mussten unter unerträglichen und bedrohlichen Alltags-bedingungen
leben.
Zwi berichtet:
[Sprecher/in
2]
„Ich besuchte die
Grundschule in Hamburg, und wir waren dort bis zum Ausbruch der
Kristallnacht, 1938. Meine Eltern, wie viele andere auch, verstanden
nicht, was vor sich ging. Mein Bruder und ich waren auf einer
jüdischen Schule in Hamburg. Wenn wir nach Hause gingen, wurden wir
von der Hitler-Jugend verprügelt, welche aus einer nicht jüdischen
Schule neben unserer Schule kam. Wir kamen verletzt zu Hause an.
Schließlich gelang es meinen Eltern, mit meinem Bruder und mir nach
Holland zu fliehen, wo wir bis 1942 lebten, bis die Nazis kamen und
uns gefangen nahmen.“
[Sprecher/in
1]
Als Kind wurde Zwi in den
Niederlanden gezwungen, einen gelben Stern an seiner Kleidung zu
tragen. Er beschreibt, was er beim Tragen dieser demütigenden
Kennzeichnung empfand.
[Sprecher/in
2]
„Ich würde nicht mal
sagen, dass es beleidigend war. Es war peinlich, weil alle sich
umdrehten und dich anstarrten. Ich vergleiche das immer mit dem
Gefühl, welches ich bei meiner Bar Mitzvah hatte, als ich einen
großen Hut für die Synagoge tragen musste. Als ich den Hut trug,
starrten mich alle an, und mit dem Stern war es das gleiche. Ich
fühlte mich isoliert; auf dich richtet sich die Aufmerksamkeit. Es
war ein schreckliches Gefühl, aber man kann es nicht vergleichen mit
dem, was danach kam.“
[Sprecher/in
1]
Die meisten italienischen
Juden waren assimiliert und gehörten dem arbeitenden Mittelstand an.
Sie lebten seit Generationen in Italien und waren stark überzeugte
Patrioten. Es gab nahezu keinen Antisemitismus im Land - bis 1936,
als der italienische Primierminister Benito Mussolini versuchte, die
Balance zu finden zwischen seiner Beziehung zum Westen und seiner
Unterstützung für Adolf Hitler.
Im September 1938
initiierte Mussolini eine antisemitische Pressekampagne, um Hitler
zufrieden zu stellen. Gleichzeitig verpflichtete sich die
italienische Regierung durch die Bekanntgabe von antijüdischen
Gesetzen, ähnlich den Nürnberger Gesetzen, zur Mitgliedschaft bei den
sogenannten Achsenmächten, den mit Nazi-Deutschland verbündeten
Staaten.
Die meisten italienischen
Juden waren jetzt gezwungen, sich zu verstecken. Viele haben überlebt
durch die Hilfe von ihren nichtjüdischen Mitbürgern, oftmals
religiöse Christen. Mehr als 6.800 italienische Juden (ca. 15%),
konnten sich jedoch nicht retten und fielen in die Hände der Nazis.
Sie wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet.
Auch wenn die Italiener viel milder
mit der Durchsetzung der Gesetze umgingen als die Deutschen in ihrem
Land, waren die italienischen Juden schrecklichen Erniedrigungen und
großer Not ausgesetzt.
Hannah Weiss wuchs in einer
schönen Hafenstadt, Fiume in Italien, auf. Hannah gehörte der
jüdischen Gemeinde an, bestehend aus etwa zweitausend Juden. Viele
von ihnen, wie Hannahs Vater, waren Emigranten aus dem früheren
österreichisch-ungarischen Reich. Hannah und ihre Familie waren als
Juden und als loyale Italiener durch und durch integriert in ihre
Gemeinde. Sie sprachen verschiedene Sprachen - ungarisch, deutsch,
und italienisch -, und passten so gut in das internationale Flair der
Stadt.
Hannah, ihr Bruder und zwei
Schwestern hatten eine glückliche Kindheit bis 1938, als die
rassistischen, antijüdischen Gesetze in Italien eingeführt wurden.
Hannah erinnert sich:
[Sprecher/in
3]
„Ich war das einzige jüdische Kind in
meiner Klasse und ich hab mich nie unwohl gefühlt. Das einzige
antisemitische Erlebnis, welches ich erinnere, war, als ich mit
meinem katholischen Kindermädchen auf der Straße ging, als ein
kleiner Junge aus dem armen Stadtteil uns einholte und im Vorbeigehen
‚chifuti’ – Jude sagte. Das christliche Kindermädchen an meiner Seite
sagte darauf: „Weißt du, wer Jesus war? – Jesus war ein Jude – also
Schluss mit diesem ‚chifuti’.“
Ich war sogar in einer
faschistischen Jugendbewegung aktiv, bis sie mich 1938 rausgeworfen
haben.“
[Sprecher/in
1]
Nach der Einführung der
antijüdischen Gesetze 1938 wurden viele italienische Juden in die
Länder deportiert, aus denen sie vor Jahren eingewandert waren. Da
Fiume erst Anfang der 1920er-Jahre Teil Italiens geworden war, hatte
dies schreckliche Folgen für viele Juden, die plötzlich ihre
Staatsbürgerschaft verloren.
Hannah erinnert sich:
[Sprecher/in
3]
„Die Vertreibung
begann. Die Juden aus Ungarn erhielten eine Ausweisung und mussten
nach Ungarn zurückkehren. Ich erinnere mich, dass wir dicht bei
unseren Nachbarn standen, ich hatte immer mit den Kindern gespielt,
wir waren gute Freunde.“
[Sprecher/in 1] Im November 1941 waren bereits die
Vernichtungslager Chelmno und Belzec errichtet worden, wo die Opfer
mit Giftgas ermordet wurden. Zwi Bacharachs Familie,
welche von Deutschland nach Holland geflohen war, wurde nun in einem
Durchgangslager interniert, dann in ein Ghetto und schließlich in ein
Vernichtungslager deportiert. Der Alptraum des Holocaust nahm in
seinen verschiedenen brutalen Formen für die Familie Bacharach
Gestalt an. Zwi erinnert sich:
[Sprecher/in
2]
„Der 29. Januar 1942,
die Gestapo kam in unser Haus. Ich erinnere dies ganz genau, weil ich
krank zu Hause im Bett lag mit hohem Fieber, und die Gestapo gab uns,
und daran kann ich mich so gut erinnern, nicht fünf, nicht zehn,
sondern acht Minuten Zeit, um aus dem Haus und zum Bahnhof zu
kommen.“
[Sprecher/in 1]
Zwi und seine Familie
wurden nach Westerbork gebracht, ein Durchgangslager, das die meisten
holländischen Juden passieren mussten, bevor sie weiter in die
Nazi-Vernichtungslager nach Osteuropa verschleppt wurden.
Ein Jahr später wurde die
Familie in das Ghetto von Theresienstadt deportiert. Das Leben hier
war sehr schwierig, aber wenigstens waren sie gemeinsam einquartiert.
Auch der Aufenthalt in Theresienstadt endete abrupt. Zwi erklärt:
[Sprecher/in 2]
„... An Jom Kipur 1943
waren meine Brüder und ich auf der Straße, als wir eingesammelt
wurden. Sie verfrachteten uns auf die Ladefläche und brachten uns zu
den Wagons, die auf unseren Abtransport warteten. Mein Vater sah mich
nicht mehr, er war bei der Arbeit. Ich sah meine Mutter, aber sie sah
mich nicht. Das war das letzte Mal, dass ich sie am Leben sah.“
[Sprecher/in 1] Nachdem die Deutschen in
Italien einmaschiert waren, versuchten Hannah, ihre Mutter, zwei
Schwestern und ihre Großeltern, in die Schweiz zu fliehen, aber sie
wurden gefangen genommen und in das Gefängnis San Vittore
eingesperrt. Später transportierten die Nazis sie nach
Auschwitz/Birkenau, das größte Nazi-Vernichtungslager.
Auch Zwi und sein Bruder
wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Beide, Hannah Weiss und Zwi
Bacharach, beschreiben, wie die Nazis und ihre Verbündeten sie auf
dem Transport nach Osten demütigten. Zwi
erinnert sich:
[Sprecher/in 2] „In dem Moment, als wir
in den Viehwagon getrieben wurden, begann die Entmenschlichung. In
Westerbork und Theresienstadt waren wir schikaniert und erniedrigt
worden, aber die Entmenschlichung begann in dem Moment, als wir in
den Viehwagon stiegen. Wir wurden wie Vieh behandelt.
Einhundertfünfzig Menschen waren in diesem einen Viehwagon. Wir
hatten nicht genug Platz, um uns hinzusetzen. Wir waren zwei Tage und
zwei Nächte im Wagon. Dies war meine erste Konfrontation mit dem Tod
– es gab bereits Tote im Wagon.“
[Sprecher/in 1] Hannah berichtet:
[Sprecher/in 3]
„Wir wurden in einen
Viehtransporter gesteckt. Innen war es riesig, es gab nichts außer
einem Behälter oder Kübel. Die Leute stiegen in den Viehtransporter,
als erstes die Alten, die sich sofort an die Wände gelehnt
hinsetzten. Es gab kaum Platz. Achtzig Menschen wurden in diesen
Transporter gesteckt.
Es gab vier kleine
Luken, aber wir konnten nur eine öffnen, weil die anderen eine Art
von Vergitterung hatten. Das Wesentliche, an das ich mich erinnere,
ist der große Hunger und Durst, weil es kein Wasser zum Trinken gab.“
[Sprecher/in
1]
Um über die Ankunft im
Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau zu berichten, rufen sich Hannah
und Zwi ihre schrecklichen Erinnerungen ins Gedächtnis.
[Sprecher/in 3] „Das erste was ich sah,
als sie die Tür vom Transporter öffneten bei der Ankunft in Birkenau,
war ein Insasse mit seiner gestreiften Kleidung, der auf deutsch
schrie: ‚Schnell, schnell, schnell, alle raus!’ Er war nicht der
Einzige der schrie. Einhundert Männer, bekleidet wie er, schrieen zur
gleichen Zeit, entlang der ganzen Länge der Verladerampe. Dazu kam
das Gebell der SS-Hunde... Der Lärm war einfach schrecklich. Alles
was wir wollten, war, auszusteigen, damit sie mit diesem widerlichen
Gebrüll aufhörten. Wir waren verwirrt, dreckig, erschöpft und
ausgehungert. Wo waren wir? Ich wusste es nicht. Wir wollten nur aus
dem Transporter raus. Auf einmal war ich alleine, ich schaute nach
meiner Familie, meine Familie schaute nach mir. So war alles ein
einziger Schrei. Es schmerzte in unseren Ohren und es half uns
definitiv nicht aus unserer schweren mentalen und körperlichen
Verfassung, in der wir uns befanden...“
[Sprecher/in
1] Der nächste Vorgang, den
Hannah beschreibt, ist die endgültige Trennung von ihrer Familie.
Dieser Vorgang wurde Selektion genannt. Dies war der Augenblick, in
dem ein SS-Offizier mit einer kleinen Handbewegung entschied, wer
sofort sterben sollte und wer für die Zwangsarbeit bestimmt war.
Hannah beschreibt dies so:
[Sprecher/in
3]
„Plötzlich befand ich
mich vor einem deutschen Offizier. Er war groß, fett und elegant. Ich
stand vor ihm. Er sprach nicht. Er schaute mich an und hob seine
Faust und streckte seinen Daumen nach oben. Ich deutete daraus, dass
ich zur rechten Seite gehen sollte. Ich schaute auf und durch den
Stacheldraht sah ich dort einige Gestalten stehen. Ich verstand, dass
ich zu ihnen sollte. Als ich zu ihnen hinüber ging, drehte ich mich
um und sah meine ältere Schwester hinter mir. Ich fragte meine ältere
Schwester: ‚Wo sind Mama, Magda und Großvater?“
[Sprecher/in
1] Die Antwort auf Hannahs Frage
steht in allen Geschichtsbüchern. Hannahs mütterliche Großeltern und
die kleine Schwester wurden direkt in die Gaskammern gebracht und
ermordet. Sie sah sie niemals wieder.
Bei der Ankunft im Lager selbst
wurde Hannah in einen kleinen Raum gebracht, in dem zwei Frauen auf
sie warteten. Hannah erzählt:
[Sprecher/in
3] „Ich spürte nicht,
wie das zweite Mädchen meinen Arm nahm und mich mit einer Nadel
stach. Sie hatte vielleicht zwei Ziffern eintätowiert, als ich
bemerkte, was vor sich ging. Ich fing an zu schreien: ‚Was machst
du?’ Sie erklärte mir dann, dass ich mir von nun an diese Nummer auf
deutsch gut einprägen müsse, und ich tat dies sogar nachts, wenn ich
wach lag. Auch lernte ich, die Nummer zu hören, wenn sie gerufen
wurde, und ich sagte sie laut zu mir selbst. Mein Name Hannah, oder
wer ich mal gewesen war, war nun ausgelöscht.
Sie war fertig mit
mir und ich wurde in einen anderen kleinen Raum gebracht, um dort auf
einem Stuhl zu sitzen. Jemand griff nach meinem Haar, hob es hoch,
und innerhalb von zwei Minuten hatte ich eine Glatze. Dann brachten
sie mich zu einem dritten Raum, in dem mir ein Mädchen sagte: ‚Zieh
dich aus.’ Ich sah sie an. Was meinst du mit ‚Zieh dich aus’? Ich
hatte mich noch nie im Leben vor jemandem ausgezogen, außer vor mir
selbst zum duschen, und auch dann würde ich den Schlüssel zweimal im
Schloss drehen.
Am Ende wurde ich aus
dem Raum geschickt, nackt, kahl geschoren und nummeriert. So kam ich
zu den anderen Frauen, die geschockt wie ich in einem großen Raum
saßen...“
[Sprecher/in
1] Zwi erinnert sich ebenfalls an
die Ankunft in Auschwitz/Birkenau.
[Sprecher/in
2] „Wir kamen aus dem
Zug wie Vieh, die Frauen wurden vom Transport getrennt. Ein Mann, der
mir beim Aussteigen half, meinte zu mir, ich solle sagen ich sein
achtzehn. Eigentlich war ich fünfzehn. Wir mussten uns ausziehen und
erhielten die gestreifte Uniform und Holzschuhe, die an unseren Füßen
schmerzten. Alles geschah in Eile. Unser Transport war dazu bestimmt,
in Deutschland Zwangsarbeit zu leisten. Das war unser Glück, so wurde
uns keine Nummer eintätowiert.“
[Sprecher/in
1] Zwi fährt fort mit der
Beschreibung der täglichen Torturen und seinem sich steigernden
Schmerz.
[Sprecher/in
2] „Einmal am Tag
erhielten wir eine Mahlzeit aus wässriger Suppe, die wir uns zu fünft
teilen mussten. Ich sage immer, das war der größte Schmerz, außer der
Sehnsucht nach den Eltern, der Schmerz des Hungers. Für die Jungen
gab es keine Lösung, nur Hunger. Hunger war in unseren Köpfen, die
ganze Zeit.
Manchmal bekamen wir
ein Stück Brot, welches wir zwischen uns fünf aufteilen mussten. Es
gab immer einen Kampf um das Brot, und wir Jungen haben immer
verloren, weil wir nicht stark genug waren. Ich weiß nicht, wie ich
überlebt habe. Wir haben nur existiert, und viele sind gestorben. In
der Früh, bei eisiger Kälte, fast zu Tode gefroren, standen wir da
zum Zählappell. Ich weiß nicht, wie oder warum wir am Leben blieben.
Es war absolute Folter.“
[Sprecher/in 1] Sowohl Zwi und sein Bruder, als
auch Hannah und ihre Schwester, schafften es, den Horror von
Auschwitz/Birkenau zu überleben.
Fast alle Familienangehörigen,
warum auch immer, hatten nicht das Glück.
Hannahs Mutter, ihre Schwester
und die Großeltern wurden kurz nach ihrer Ankunft in den Gaskammern
ermordet.
Zwis Vater wurde mit seinen
beiden Söhnen nur kurzzeitig interniert. Er erzählte den Söhnen von
dem Tod ihrer Mutter während des Transports, danach gab er niemals
wieder ein Wort von sich.
Der Vater und seine beiden
Söhne wurden in ein Lager bei Leipzig gebracht, Tolcha. Dort
arbeiteten sie achtzehn Stunden am Tag in einer Munitionsfabrik unter
schrecklichen Bedingungen.
Im März 1945, als die
Alliierten vordrangen und die Nazis realisierten, dass sie den Krieg
verlieren würden, wurden die Gefangenen, einschließlich Zwi, seinem
Bruder und Vater auf einen sinnlosen Todesmarsch geschickt. Während
des Marsches wurde Zwis Vater vor den Augen seiner Söhne von einem
Nazi erschossen. Zwi und sein Bruder überlebten den Todesmarsch und
wurden schließlich von amerikanischen Soldaten befreit.
Nach dem Krieg kehrte Hannah
nach Italien zurück und fand dort ihren Vater wieder. Sie wurde
Krankenschwester und wanderte später nach Israel aus. Sie heiratete
einen jüdisch-ungarischen Überlebenden des Holocaust, mit dem sie
drei Kinder bekam.
Auch Zwi entschied sich, nach
Israel auszuwandern. Nachdem er die Schulzeit abgeschlossen hatte,
wurde er Geschichtslehrer und Professor für allgemeine Geschichte an
der Bar-Ilan Universität in Tel Aviv. Er und seine Frau haben drei
Kinder und viele Enkel.
Die persönlichen Erinnerungen
von Zwi und Hannah, die wir gerade gehört haben, sind Teil eines
kollektiven Gedächnisses der Menschen, die den Holocaust überlebt
haben. Wir sind Zwi und Hannah und all den anderen, die uns ihr
Vermächtnis aufgetragen haben, verpflichtet, ihre Hinterlassenschaft
für zukünftige Generationen am Leben zu erhalten.
Quellen der Zeitzeugenberichte:
- Hannah Weiss: Video Testimony, V.T/3334, Yad Vashem Archiv
- Zwi Bacharach: Persönliches Interview mit den Autoren dieses Textes.
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