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„Ich wünschte mir jemanden, der auf mich aufpassen würde“
Ein Workshop zur Befreiung jüdischer Überlebender 1945*


 

Die nachfolgenden Texte und Bilder dienen als Grundlage für eine ein- bis zweistündige Unterrichtseinheit zum Thema „Befreiung der Juden 1945“ im schulischen Rahmen.
Zielgruppe: Jahrgangsstufen ab der 10. Klasse in sämtlichen Schularten sowie der außerschulischen Bildung.

Vorüberlegungen

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für Millionen Europäer aller Nationen die Befreiung aus einem Alptraum. Für die Juden kam diese Befreiung spät. Inmitten der feiernden Menge, die den einmarschierenden Truppen der alliierten Streitmächte zujubelte, bildeten die Juden eine kleine Gruppe, deren Schicksal anders war. Bei dem Versuch Nazi-Deutschlands, das jüdische Volk zu vernichten, war ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung ermordet worden.
In diesem Unterrichtsvorschlag wird der Kampf der jüdischen Überlebenden des Holocaust um ihre Rückkehr ins Leben thematisiert. Da dieses Kapitel jüdisch-europäischer Geschichte von 1945 bis 1948 generell wenig bekannt ist und in den Schulen in der Regel ein Schattendasein führt, wurde das vorliegende Stundenbild erarbeitet.
Damit eröffnet sich ein breites Spektrum pädagogischer Möglichkeiten: Bei näherer Betrachtung der Überlebenden des Holocaust über Fotografien bzw. ihre eigenen Textzeugnisse können die Schüler/innen einen Einblick in die Ausmaße des erlittenen Verlustes und damit in die Dimensionen des Holocaust erhalten. Auf der anderen Seite lernen die Betrachter aber auch die außergewöhnliche Vitalität der Überlebenden und ihre facettenreichen Wege kennen, auf denen sie sich eine neue Existenz aufbauten. Ihre faszinierenden Geschichten führen uns auch die universalen Werte vor Augen, die über die Grenzen von Zeit und Raum hinaus jede menschliche Existenz ausmachen.
Im pädagogischen Konzept der Internationalen Schule für Holocaust-Studien gehen wir davon aus, dass der Holocaust in einem umfassenden zeitlichen Rahmen unterrichtet werden sollte. Die Darstellung jüdischen Lebens vor dem Einsetzen der Verfolgung ist hierbei ebenso wichtig wie das Nachzeichnen jüdischer Lebenslinien nach 1945 in ganz unterschiedlichen Kontexten.
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Je mehr die Welt über diese „Metropole des Todes“ erfuhr, umso mehr wurde sie zum Symbol des Holocaust. Dem Jahrestag der Befreiung Auschwitz’ kommt aber auch eine universelle Bedeutung zu: Mit den befreiten Häftlingen überlebte auch die Menschlichkeit. Dieser Tag, der 27. Januar, ist durch eine Resolution der Vollversammlung der Vereinten Nationen im November 2005 zum weltweiten Gedenktag an die Opfer des Holocausts geworden. Die Resolution ruft zur Aufklärung aller Nationen auf. Sie verurteilt religiöse Intoleranz, Hetze und Gewalt aus rassistischen oder religiösen Gründen.
Dementsprechend kann das vorliegende Stundenbild vielseitig eingesetzt werden. Es ist zur Verwendung im regulären Unterricht ebenso geeignet wie zum Einsatz an Projekttagen und dient darüber hinaus als Grundlage für die Auseinandersetzung der Schulgemeinschaft mit dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar.

Die Unterrichtsstunde

Vorschlag für den Ablauf
Impulsfrage, freie Assoziation: „In welchem Kontext kennt ihr den Begriff Befreiung?“ (z.B. Entlassung aus Gefängnis, Entlassung aus Armee, Schulende)
-    Input durch den Pädagogen: Der besondere Aspekt der Befreiung in diesem historischen Kontext, nach Ende des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust.
-    Die aus den vorliegenden Materialien herauskopierten, eventuell vergrößerten Fotos werden als Ausstellung gezeigt, auf Tischen ausgelegt oder an der Wand befestigt.
-    Bildbetrachtung: Jeder Schüler soll sich ein Bild auswählen, das ihn/sie in besonderem Maße anspricht.
      Fragestellungen:

  • Weshalb hast du dieses Bild gewählt?
  • Überlege dir zu dem Bild Fragen und schreibe deine Assoziationen auf.
  • Kannst du in dem von dir gewählten Bild einen Bezug herstellen zu deiner persönlichen Vorstellung von Befreiung?

-     Klassengespräch. Die Bilder werden chronologisch (vgl. Bildnummerierung) besprochen. Die Schüler, die sich jeweils das entsprechende Bild ausgesucht hatten, erläutern die Gründe ihrer Wahl und ihre Gedanken zu dem Bild. Der Lehrer ergänzt Hintergrundinformationen und weitere Ideen zur Analyse des Bildes (Material hierzu ab S. 8). Die Fragen und Assoziationen der Schüler werden an der Tafel festgehalten oder auf Papier geschrieben und unter die betreffenden Bilder gelegt/gehängt.
-     Texte zur Gruppenarbeit werden ausgegeben.
Dabei kann thematisiert werden, was der heutige Betrachter/Leser aus verschiedenen Quellentypen gewinnen kann. Konkret kann die Frage erörtert werden, welche Informationen, Kenntnisse und Einsichten vom fotografischen Quellenmaterial, und welche von den schriftlich überlieferten Aussagen der Zeitzeugen selbst abgeleitet werden können. Was verschweigen die Fotos? Was verraten sie? Was fügen die Texte hinzu?
-     Leitfragen unter den Texten sollen die Schüler dabei unterstützen, gezielt zu arbeiten und auf die wesentlichen Aspekte des Textes einzugehen.
-     Klassengespräch zu den Texten und Bildern
-     Abschließendes Klassengespräch zu Themen wie:

  • Was machten die Menschen wohl einen Tag nach ihrer Befreiung?
  • Enttäuschung nach der Befreiung
  • Bedeutung von Befreiung und Freiheit für die jüdischen Überlebenden
  • Bedeutung von Freiheit generell – relativ?

Am Ende der Stunde, sofern noch ein paar Minuten Zeit sein sollten, kann ein Schüler einen kurzen Text vor der ganzen Klasse vortragen. Dies würde die Stunde in einen weitergehenden Zusammenhang stellen und neben der Auseinandersetzung mit dem Thema auch einen Aspekt der Erinnerung beinhalten.




Die folgenden Texte können zur knappen Erläuterung einzelner Fragen zum Thema dienen und entweder von den Pädagogen in die Vorbereitung einbezogen oder am Ende der Stunde an die Schüler verteilt werden.

Der Zweite Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 waren Menschen aus ganz Europa – unter ihnen Millionen Juden – von den Nationalsozialisten in Gefängnisse, Ghettos und Konzentrationslager eingesperrt. Die Alliierten – die Gegner Nazi-Deutschlands, ein Bündnis aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der damaligen Sowjetunion – befreiten während ihres Vormarschs auf Deutschland all diese Menschen aus den Lagern und Gefängnissen. Europa war zerstört, Städte wie Warschau, Rotterdam und Dresden, aber auch viele kleine Ortschaften, lagen in Schutt und Asche. Die Überlebenden des Nazi-Terrors und auch jene, die durch den Krieg und die Kriegsfolgen zu Flüchtlingen geworden waren, irrten durch diese Trümmer. Es waren Millionen Menschen unterwegs, aus allen Staaten, die vom Krieg betroffen gewesen waren.

Juden nach der Befreiung

Im Holocaust waren sechs Millionen Juden umgekommen, das war ein Drittel der damaligen jüdischen Weltbevölkerung. Die jüdischen Überlebenden wurden nach der Befreiung mit der Zerstörung ihrer Lebenswelt konfrontiert. Viele Familien und Gemeinden waren komplett ausgelöscht. Diejenigen, die überlebt hatten, waren 1945 zwar endlich befreit, doch frei waren sie noch lange nicht. Sie kehrten nicht, wie so viele andere ehemalige Häftlinge oder Zwangsarbeiter, in ihre früheren Heimatländer zurück. Entweder wollten sie dies selbst nicht, weil es dort nichts und niemanden mehr aus ihrem früheren Leben gab, oder aber sie waren in diesen Ländern als Rückkehrer nicht willkommen. Die Menschen dort betrachteten die Juden nach allem, was geschehen war, nicht mehr als Teil der Bevölkerung, zudem waren sie nach dem Kriegsende vollständig mit dem Wiederaufbau bzw. mit eigenen Sorgen beschäftigt. Die Juden hatten kein Zuhause mehr und wussten nicht, wohin. Sie waren innerhalb der vielen Flüchtlingsgruppen und Überlebenden Außenseiter und sahen keine Zukunft in Europa. Viele von ihnen begannen daher, sich auf ein Leben außerhalb Europas einzustellen, zum Beispiel in den USA, in Kanada, Australien, oder im damaligen Palästina, wo ein jüdischer Staat gegründet werden sollte. Palästina stand damals unter britischem Mandat, und die Einwanderung von Juden war bereits seit 1939 stark eingeschränkt worden. Deshalb war es noch sehr schwierig, in dieses Land zu gelangen.

Displaced Persons (DP)

Die Überlebenden waren in der Sicht der westlichen Alliierten  „Displaced Persons“ – „entwurzelte Menschen“. In den für jüdische DPs eingerichteten Auffanglagern in Westdeutschland, Italien und Österreich wurden in den Jahren nach der Befreiung insgesamt rund 250.000 Menschen untergebracht. Von dort aus planten und organisierten sie ihre Auswanderung in verschiedene Staaten. Dabei kam dem britischen Mandatsgebiet Palästina trotz der britischen Abwehrpolitik eine besondere Bedeutung zu. Die Idee der Gründung eines Staates für Juden war eine große, kollektiv bedeutsame und übergeordnete Vision, die vielen Überlebenden dabei half, ihr persönliches Leid und ihre Einsamkeit besser zu ertragen. Zahlreiche Überlebende gelangten bereits vor 1948 auf Wegen, die offiziell als „illegal“ galten, ins Land. Andere wieder warteten, bis 1948 der Staat Israel gegründet worden war. Dies führte dazu, dass viele der DP-Camps erst von 1948 an nach und nach geschlossen werden konnten.
Ins heutige Israel wanderten insgesamt knapp zwei Drittel der jüdischen DPs aus, in die USA etwa 73.000, nach Kanada 16.000, weitere 10.000 nach Frankreich und Belgien. Etwa 12.000 jüdische DPs verblieben in Deutschland.

Ein neues Leben im Schatten des Holocaust

Durch die Erlebnisse während des Holocaust hätten Juden daraus als verbitterte Menschen hervorgehen können. Doch der Wille, ein neues Leben zu gestalten, war stark, auch wenn Trauer und Verlust die Menschen langfristig prägte. Die meisten Überlebenden widmeten sich einem Neuanfang, wie es sich in der Gründung von Familien, gesellschaftlichem Engagement und auch dem Aufbau des Staates Israel zeigte.
Der immense Verlust, der ihnen zugefügt worden war, blieb aber immer ein Teil ihres weiteren Lebens. In den wenigsten Fällen war es den Überlebenden möglich, exaktes Wissen darüber zu erlangen, wann, wo und unter welchen Umständen ihre Angehörigen zu Tode gekommen waren. Es gab keine Grabstätte, an der sie trauern, und kein Todesdatum, an dem sie ihrer Angehörigen und Freunde gedenken konnten. Dies führte dazu, dass die meisten Überlebenden bis zum heutigen Tag, trotz der Gewissheit des Todes, die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihren im Holocaust umgekommenen Angehörigen nicht aufgeben oder, im übertragenen Sinne, „zu Grabe tragen“ konnten.

Materialien für die Bildbetrachtung

Für die Pädagogen: Informationen zu den Bildern

Hinweis: Weiterführende Informationen können auch auf der  website von Yad Vashem unter www.yadvashem.org gefunden werden.

Bild 1: Jubel nach der Befreiung, Brüssel, September 1944 ©Yad Vashem
Nach der Eröffnung der zweiten Front durch die Landung der westlichen Alliierten in der Normandie im Juni 1944 wurde Europa sukzessive vom Nationalsozialismus befreit. In ganz Europa wurden die Befreiung, das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Sieg der Alliierten gefeiert. Dieses Gefühl der wieder errungenen Freiheit einte die Menschen in Europa von Frankreich bis in die Sowjetunion. Überall brach Jubel aus, vielerorts wurden die Alliierten mit Blumen begrüßt. In Deutschland selbst war für viele das Gefühl der Niederlage vorherrschend.
Was bedeuteten Freiheit und Befreiung in Europa?
Weshalb waren in Deutschland andere Gefühle vorherrschend?

Bild 2: Nach der Befreiung im KZ Dachau ©Yad Vashem
(Für Informationen zum ehemaligen Konzentrationslager Dachau siehe auch im Internet www.kz-gedenkstaette-dachau.de)
Anders als unmittelbar nach Einrichtung des KZ Dachau im Frühjahr 1933 waren in den letzten Jahren der NS-Herrschaft die deutschen Gefangenen dort eine Minderheit. Die größte nationale Gruppe waren Häftlinge aus Polen, gefolgt von Gefangenen aus der Sowjetunion. Insgesamt waren mehr als 200.000 Häftlinge aus rund 30 Staaten in Dachau inhaftiert. Am 29. April 1945 befreite die amerikanische Armee das KZ und wurde von den Überlebenden mit großem Jubel empfangen. Bei der Befreiung befanden sich im KZ Dachau selbst mehr als 33.000 Häftlinge, noch mal so viele wurden in den Nebenlagern befreit.
„In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend.“ (Nico Rost, nichtjüdischer politischer Häftling in Dachau)
Die meisten der nichtjüdischen Insassen gelangten in den folgenden Wochen und Monaten zurück in ihre Heimatländer, während die überlebenden Juden oftmals nicht mehr an ihren Herkunftsort zurückkehren wollten.
Was bedeutete Befreiung für diese Menschen?
Was könnte es für die nun befreiten Häftlinge bedeutet haben, auf einen Wachturm des KZ zu klettern und von dort aus den Amerikanern zuzujubeln?
Was bedeutete es für die befreiten Menschen, Schulter an Schulter mit Soldaten der US-Armee zu stehen?

Bild 3: Jüdischer Überlebender nach der Befreiung im KZ Dachau ©Yad Vashem
Im Vergleich zu Bild 2 ist hier ein überlebender Jude zu sehen, der in unermesslichem Schmerz und Trauer gefangen ist. Seine Situation scheint eine andere zu sein als die der befreiten Häftlinge auf Bild 2. Er ist nicht Teil einer Menge, sondern allein.
Diese spezifische Situation wird auch illustriert durch eine Aussage von Yitzhak Zuckermann, der den Warschauer Ghettoaufstand 1943 mitgetragen hatte.
„Im Januar 1945 … hieß es eines Tages: Die Panzer der Roten Armee stehen auf dem Marktplatz von Grodzhisk. Ich glaube, dass ich nie so viel Trauer erlebt habe wie an jenem glücklichen Tag. Man steht tage-, monate-, ja jahrelang unter Druck, und wenn man dann sein Ziel erreicht, wird man von der Erschöpfung, von der Abhängigkeit, von der Wirklichkeit überwältigt und fällt einfach in Ohnmacht.
Wir waren die einzigen Juden auf dem Marktplatz, wo die Panzer der Roten Armee aufgefahren waren. Die Menge jubelte, Tausende von Menschen fielen einander in die Arme. Wir aber hatten niemanden, den wir umarmen konnten. Man sah sich nach Juden um, die sich aus ihren Verstecken gewagt hatten, aber es waren keine zu sehen.“
Aus: Yitzhak Zuckermann, Der Auszug aus Polen, Verlag der Vereinigten Kibbuzbewegung, S. 13ff. (Hebräisch), in:
CD-ROM „Return to Life“, Yad Vashem, Jerusalem, 1996

Bild 4: Jüdische Überlebende in Bergen-Belsen ©Yad Vashem
(Für Informationen zum ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen siehe auch im Internet www.bergenbelsen.de)
Die Sterblichkeitsrate im Konzentrationslager Bergen-Belsen war selbst für KZ-Verhältnisse außergewöhnlich hoch. Allein zwischen Januar und Mitte April 1945 kamen 35.000 Menschen um, unter ihnen auch Anne Frank und ihre Schwester Margot. Bergen-Belsen wurde am 15. April 1945 von der britischen Armee befreit. Im Lager befanden sich noch 60.000 Gefangene. In den ersten fünf Tagen nach der Befreiung starben weitere 14.000, in den darauffolgenden Wochen nochmals die gleiche Anzahl ehemaliger Häftlinge. Dies lag auch oft an der ungewohnten Menge Nahrung, die die geschwächten Menschen nicht aufnehmen konnten.
Binnen weniger Monate entstand auf Teilen des Geländes des früheren KZ das größte DP-Lager für Juden in Deutschland. 1946 lebten mehr als 11.000 Juden in dem Lager.
Das Bild zeigt eine junge Frau, die von einem britischen Soldaten gestützt wird. Dabei umfasst der Soldat die geschwächte Frau mit großer Vorsicht. Der Anblick der Berge von Leichen, die die britischen Soldaten bei der Befreiung des Lagers vorgefunden hatten, hat sich traumatisierend in deren Gedächtnis eingegraben und bildet den grellen Kontrast zu dem Blick, den dieses Foto freigibt: Das Bild eines Menschen, der in seiner Würde erkannt und in all seiner Schwäche und Gebrechlichkeit unterstützt wird. Eine Überlebende erinnert sich, wie ein Soldat der amerikanischen Armee ihr und ihren Mitgefangenen mit den Worten „Please, Ladies“ beim Aufstehen half. Diese Worte, die eine persönliche Haltung wiederspiegeln, hätte sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen.

Bild 5: Junger jüdischer Überlebender in Bergen-Belsen ©Yad Vashem
Informationen zum KZ Bergen-Belsen: vgl. Bild 4.
Der Junge sitzt auf einem Wohnzimmersessel, hat aber kein Dach über dem Kopf. Es ist völlig unklar, wo er wohnen wird. Er trägt noch immer seinen Häftlingsanzug, und es ist völlig unklar, woher er normale Kleidung bekommen wird. Trotz dieser elementaren Fragen lässt sich auf seinem Gesicht der Hauch eines Lächelns ausmachen.
Wenige Tage oder nur Stunden, bevor diese Aufnahme gemacht wurde, lag dieser junge Mann auf dem Boden, ohne dass sich irgendwer um ihn gekümmert hätte. Alles, was zu einem normalen Leben gehört, schien noch in weiter Ferne oder gar unerreichbar.

Bild 6: Junger jüdischer Überlebender im KZ Wöbbelin ©Yad Vashem
Wenige Kilometer von Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) entfernt ließ die SS am 12. Februar 1945 das KZ Wöbbelin errichten, das als Außenstelle des KZ Neuengamme konzipiert wurde. Das nur notdürftig errichtete Lager diente u.a. als Auffangplatz für die Überlebenden der Todesmärsche, viele von ihnen Juden. Von den ca. 5.000 Häftlingen starben bis zur Befreiung durch die US-Armee am 2. Mai 1945 1.000.
Auch beim Anblick dieses jungen Überlebenden wird deutlich: Noch einen Tag vor der Befreiung wäre sein Tod nichts weiter als ein völlig bedeutungsloses Alltagsereignis, dem niemand Beachtung schenkte. Nach Ankunft der US-Armee kümmerten sich umgehend drei Menschen allein um ihn, versorgten ihn und taten alles ihnen mögliche, um ihn am Leben zu erhalten. Sie bedeckten seine Nacktheit und behandelten ihn wie einen gleichwertigen Menschen.

Bild 7: Mitglieder einer zionistischen Vereinigung, Polen 1946 ©Yad Vashem
Nach 2000 Jahren jüdischer Diaspora und nach den traumatisierenden Erfahrungen, die sie während des Holocaust machen mussten, sehnten sich jüdische Überlebende nach einem Heimatland und einem Zuhause, in dem sie sich von ihren schrecklichen Erlebnissen erholen und eine neue Existenz aufbauen konnten. Sie empfanden, dass auch sie das Recht auf einen eigenen, jüdischen Staat hätten und begannen, ihre Forderungen öffentlich auszusprechen.
Die Menschen, die sich auf diesem Foto in Form eines Fragezeichens gruppieren, wollen eine ganz bestimmte und sehr klare Botschaft an die Außenwelt vermitteln.

Bild 8: Hochzeit in einem jüdischen DP-Camp ©Yad Vashem
Bild 9: Kindergarten im jüdischen DP-Lager Föhrenwald ©Yad Vashem
Bild 10: Zwei Kinder in einem jüdischen DP-Lager ©Yad Vashem
Bereits wenige Monate nach der Befreiung wurden in den DP-Camps Tausende Hochzeiten gefeiert und in der darauf folgenden Zeit Tausende Kinder geboren. Die ausgelöschten Familien der Überlebenden sollten in den Kindern weiterleben, die oftmals die Namen der Ermordeten erhielten. Die Kinder waren ein Symbol für den Neuanfang und damit eine Zukunft.
„Trotz der widrigen Lebensbedingungen in den DP-Lagern fanden 1946 viele Hochzeiten statt. Ende des Jahres lag die Geburtenquote erstaunlich hoch. Im Sommer 1946 lag der Anteil der Hochzeiten in den Lagern bei 27,4 Prozent, d.h. durchschnittlich heirateten 27,4 Personen von Hundert, während der Anteil in der deutschen Bevölkerung zum Beispiel in Bayern bei 2,8 Prozent lag, im Vergleich zu 4,6 Prozent im Jahr 1937. Diese Zahlen belegen, dass die Überlebenden eine erstaunliche Lebenskraft besaßen, sie zeigen aber auch, wie einsam sie sich fühlten und wie stark der Drang in ihnen war, eine neue Familie zu gründen. Dies schienen Faktoren zu sein, die den Menschen ein Gefühl der Sicherheit vermittelten und ihrem Leben einen Sinn gaben.“
Aus: Zeev Mankowitz, Ideologie und Politik in den Reihen des Shearit Hapleita in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland 1945-1946, Doktorarbeit an der Hebräischen Universität Jerusalem, 1987, S. 20f. (Hebräisch), in:
CD-ROM „Return to Life“, Yad Vashem, Jerusalem, 1996

Anmerkung zu Bild 8:

Bei Betrachtung des Fotos 8 fällt auf, dass kaum ältere Menschen mit am Tisch sitzen und feiern. Eine Hochzeit ohne die Eltern des Brautpaares erscheint uns heute ungewöhnlich. Die Eltern- und Großelterngeneration der jungen Paare wurde im Holocaust ermordet.

Die Hochzeiten – es sind zwei Paare zu erkennen – finden in einem DP-Camp statt, der Tisch, der als Festtafel dient, wurde aus ungehobelten Brettern provisorisch zusammengebastelt und leistet trotzdem seinen Dienst bei dieser Feier, die den Grundstein für neue Familienkontinuität legt. Im Hintergrund ist ein Bild zu sehen, das ein Schiff zeigt, darüber wird in hebräischen Buchstaben auf Eretz Israel, ein Leben in Palästina, verwiesen.


Anmerkung zu den Bildern 9 und 10:
Die Fotos 9 und 10 zeigen Kinder Überlebender, die nach dem Holocaust geboren wurden. Bild 9 präsentiert einen Kindergarten in einem Lager in Süddeutschland. Obgleich alle Zeichen auf Auswanderung standen, wurde hier den Kindern ein fester Rahmen geboten, ein Tagesablauf mit geregelten Zeiten für Essen, Spielen, Malen und Lernen. Es wurde versucht, inmitten dieser provisorischen Welt des DP-Camps eine Normalität aufzubauen, um den Kindern die Sicherheit eines geregelten Tagesablaufs zu bieten.
Weshalb war dies den Überlebenden wohl so wichtig? Weshalb wurde den Kindern dies alles geboten?
Welche Szenen sind auf dem Wandfries im Kindergarten zu erkennen? Mit welchen Geschichten wuchsen die Kinder auf?

Bild 11: Jüdische Überlebende vor einem Denkmal für die ermordeten Juden im DP-Camp Zeilsheim ©Yad Vashem
Das DP-Camp Zeilsheim bei Frankfurt am Main war ein Industrievorort gewesen, in dem Tausende Arbeiter der ehemaligen IG Farben gewohnt hatten. Die Bewohner mussten die Häuser räumen, ihre Möbel jedoch zurücklassen. Die Überlebenden empfanden diese Wohnsituation als Luxus, denn immerhin wohnte man nicht in den üblichen Baracken oder ehemaligen Kasernen. Trotzdem war das Lager mit einer konstanten Zahl von ca. 4.000 Bewohnern trotz Zu- und Abwanderung ständig überfüllt. In Zeilsheim entstand, wie in anderen Lagern auch, eine innerjüdische Infrastruktur mit Schulen, Synagogen, Zeitungen, Sportvereinen, Parteien etc. Auch gab es eine historische Kommission, die Tausende Dokumente, Fotos, Lieder und Erinnerungen aus der Zeit des Holocaust sammelte. Diese Materialien waren Teil der ersten Sammlungen von Yad Vashem in Israel. Das DP-Camp Zeilsheim wurde 1948 aufgelöst. 80 Menschen waren übriggeblieben und ließen sich zumeist in Frankfurt nieder.
Das Denkmal, das zu sehen ist, wurde 1946 von den Juden des Lagers errichtet und erinnert an die Toten des Holocaust. Dort wurden Gedenkfeiern und zionistische Kundgebungen abgehalten. Nach Schließung des DP-Camps verschwand dieses von Juden für Juden gesetzte Denkmal. Anscheinend wurde es von den früheren Bewohnern der Siedlung zerstört. Bis heute ist sein Verbleib nicht geklärt.

Bild 12: Ein jüdischer Soldat, während des Krieges Mitglied der britischen Armee, unterrichtet ein kleines Mädchen in einem DP-Camp, ©Yad Vashem
Im Holocaust wurden 1,5 Millionen Kinder ermordet. Der Schutz des Kindes, sein Anrecht auf Erziehung, Bildung und freie Entfaltung, gehört zu den höchsten Werten menschlicher Zivilisation. Nach der Umkehrung aller humanen Werte im Holocaust kehrten die Überlebenden des Holocaust ins Leben zurück  und versuchten, den Kindern den Schutz und die Fürsorge zukommen zu lassen, die die Erwachsenen ihnen schulden.

Bild 13: Demonstration für freie Einwanderung nach Palästina, 1947 ©Yad Vashem
Die Einwanderungspolitik der Briten in Palästina hatte seit 1939 dazu geführt, dass die legale Einwanderung per Zertifikat bereits auf eine minimale Quote gesunken war. Die unnachgiebige Politik Englands wurde in zahllosen Demonstrationen jüdischer Überlebender in- und außerhalb DP-Camps kritisiert und die freie Einwanderung gefordert.
Das Bild zeigt auch das wieder erwachende Selbstbewusstsein der Juden, die sich – auf deutschem Boden! – zu einer Demonstration versammeln und Plakate mit ihren Forderungen hochhalten. Dass sich diese Botschaften und Forderungen bereits kaum mehr an die Deutschen selbst richteten, lässt sich daran erkennen, dass die Parolen in englischer Sprache geschrieben sind.

Materialien für die Gruppenarbeit

Bella Braver: Der russisch-jüdische General brach in Tränen aus
Bella Braver wurde 1913 in Polen geboren.
Der Wachmann kam und öffnete die Lagertore und sagte: „Ihr seid frei, ihr könnt gehen.“ Alle Wachen und die Hunde, die sonst an jeder Ecke gestanden hatten, waren verschwunden – sie hatten sich in Luft aufgelöst, als ob sie nie da gewesen wären. Das war eines der Wunder. Dann marschierten die Russen in das Lager ein, und wir waren in einem so elenden Zustand, dass sich niemand bewegte, niemand das KZ verließ.
Wir lachten nicht, wir freuten uns nicht, wir waren völlig apathisch – und die Russen kamen ins Lager. Ein General erschien; er war ein Jude. Er sagte uns, dass er überglücklich sei, denn dies sei das erste KZ, in dem er noch jemandem am Leben gefunden habe. Er brach in Tränen aus, aber unsere Augen blieben trocken. Er weinte, aber wir nicht.
Aus: Yehudit Kleiman und Nina Springer-Aharoni, Die Qualen der Befreiung, Yad Vashem, Jerusalem, 1995, S. 15
Frage:
Warum weinte der General und warum konnten die befreiten Juden nicht weinen?


Zvi Katz: Als wir aufstanden, sahen wir, dass die Wachen verschwunden waren
Zvi Katz wurde 1921 in Kovno/Litauen geboren und 1945 im Arbeitslager Landsberg von den Amerikanern befreit.
Als wir am Morgen aufstanden, waren die Wachen verschwunden. Ein Rot-Kreuz-Fahrzeug kam aus der nahegelegenen Stadt ins Lager gefahren und nahm uns mit in die Stadt. Wir waren vielleicht 150 bis 200 Personen. Wir verhielten uns ruhig, denn wir hatten Angst, dass es noch nicht vorüber sein könnte.
Wir kamen in der Stadt an und wurden in eine große Scheune gebracht. Ich wollte mich nicht einsperren lassen, daher ging ich nach draußen. Ich ging in die Innenstadt. Plötzlich kam ein Konvoi aus Panzern und gepanzerten Fahrzeugen angefahren. Ein hünenhafter schwarzer Soldat saß auf einem der gepanzerten Fahrzeuge! Sie warfen uns Zigarettenschachteln zu. Ich wurde von amerikanischen Soldaten umringt, die auf das Totenkopfsymbol der SS auf einer deutschen Uniform deuteten und mich fragten, ob ich irgendwo SS-Leute gesehen hätte.
So schnell ich konnte, rannte ich zurück zu der Scheune. Ich stürmte hinein und rief: „Die Amerikaner sind da!“ Niemand rührte sich – alle starrten mich nur apathisch und ungläubig an. Wieder verkündete ich die Neuigkeit, dann kamen einige junge Männer auf mich zu und baten mich, doch bitte keine Panik auszulösen. Dann fingen sie an, mich auszufragen: Wie sahen sie aus? War ich mir sicher? Und dann fiel es mir wieder ein. Ich holte die Schachtel Camel-Zigaretten aus der Tasche und fragte: „Und was ist das hier?“ Da brach ein wilder Jubel los, und alles rannte nach draußen.
Aus: Yad Vashem Archiv, 4433 (Hebräisch)
Frage:
Weshalb erschien den Juden die Befreiung unwirklich?


Chava Kwinta: Ich war anders
Chava Kwinta aus dem polnischen Sosnowice war bei ihrer Befreiung 1945 erst 12 Jahre.
Wir waren befreit. Nicht länger war ich einfach eine Nummer, bestimmt zu sterben in einer Gaskammer der Nazis, eine Gefangene ohne Recht auf Leben. Deutschland war besiegt worden. Plötzlich war ich wieder ein normales Mädchen. Sicher, ich war anders als die Mädchen meines Alters, sehr anders in vielerlei Hinsicht, aber – ich war frei!
Aus: Through our eyes. Children witness the Holocaust, hrsg. von Itzhak B. Tatelbaum, Yad Vashem, Jerusalem, 2004, S. 132
Frage:
Inwiefern war Chava ein Mädchen wie andere auch und doch anders?


Dov Feinberg: Wir waren verwirrt
Dov Feinberg  wurde 1929 in Warschau geboren. Er war u.a. im KZ Sobibor, mit 16 Jahren erlebte er die Befreiung.
Eigentlich hätten wir vor Freude herumtanzen müssen oder etwas in der Art. Ich glaube, wir waren verwirrt, und wir wussten nicht, was wir jetzt mit uns anfangen sollten. Sicher, wir umarmten einander und so weiter, aber wir, ... wir ... wir wussten, dass wir glücklich sein sollten, also waren wir glücklich. Wir sprangen herum, wir umarmten einander, aber das war keine Freude in dem eigentlichen Sinne. Es war eine Art „Fragezeichen“.
Aus: CD-ROM „Return to Life“, Yad Vashem, Jerusalem, 1996
Frage:
Warum erschien den jungen Überlebenden das Leben wie ein Fragezeichen? Warum waren sie nicht wirklich glücklich?


Miriam Steiner: Allmählich wurde uns das enorme Ausmaß des Verlustes bewusst
Miriam Steiner, 1929 in Ungarn geboren, überlebte Auschwitz und das KZ Ravensbrück. Sie wurde als 17-Jährige von der Roten Armee während eines Todesmarsches befreit.
Die große Krise … fing an, als mein Cousin ein paar Tage später heimkam. Ich erkannte ihn kaum, denn dieser Junge, dieser eigentlich kräftige Kerl, hatte zwei riesige Ohren, eine große Nase, und seine Augen waren entsetzlich eingefallen. … Später erholte sich mein Cousin langsam, er nahm wieder zu und war nicht mehr so ausgemergelt. Aber in dem Moment, in dem ich ihn sah, weinte ich zum ersten Mal, stürzte auf ihn zu und weinte, weil er so schrecklich aussah. Das war der Moment, in dem ich plötzlich aufwachte. … Er umarmte mich und sagte nur: „Eins sollst du wissen, warte nicht auf deinen Vater und deinen Bruder.“ Das wiederholte er immer wieder. … Meine Mutter und ich zogen in eine kleine Wohnung, ein einziges Zimmer im Haus meiner Großmutter, und dann wurde es eigentlich immer schlimmer; nicht vom körperlichen, sondern vom geistigen Standpunkt aus gesehen, denn nun kamen die Menschen zurück und erzählten, was sie alles erlebt hatten; und da erkannten wir, dass nur wir beide übrig geblieben waren. … Nun erst wurde uns das enorme Ausmaß des Verlustes allmählich bewusst; langsam erkannten wir, dass, abgesehen von meinen Großeltern, kaum jemand von unseren Verwandten zurückgekommen war … Die Leute sagten uns, dass wir nicht auf sie warten sollten, aber ehrlich gesagt hörten wir nie auf, auf meinen Vater zu warten. Und ich muss sagen, dass ich mich noch immer oft umsehe, als ob ich immer noch suchte …  Ich weiß, dass das völlig unrealistisch ist, denn eigentlich suche ich nicht wirklich; ich – ich lasse einfach nur meine Augen umherschweifen.
Aus: Yehudit Kleiman und Nina Springer-Aharoni, Die Qualen der Befreiung, Yad Vashem, Jerusalem, 1995, S. 47.
Frage:
Warum warteten die Menschen trotz allem auf Nachricht ihrer Angehörigen?
Glaubt ihr, sie haben aufgehört zu warten?


Eva: Als ich hörte, dass wir endlich frei waren, hatte ich auch große Angst
Eva, 1927 in der Slowakei geboren, war u.a. in Auschwitz und Zwangsarbeiterin bei Telefunken und Philips. Sie wurde mit  knapp 18 Jahren im KZ Salzwedel befreit.
Es war einfach zu viel für uns. Wir waren innerlich völlig leer, erschlagen, erschöpft. … Den ganzen Krieg hindurch hatten wir um unsere Freiheit gebetet, und jetzt war sie plötzlich da. Du bist frei! Aber nachdem ich erst einmal den Gedanken verdaut hatte, dass ich endlich wieder frei war, wurde mir auf einmal bewusst, dass ich eigentlich die ganze Zeit gehofft hatte, meinen Vater wiederzusehen, und ich wagte sogar zu hoffen, dass ich vielleicht …, auch meine Mutter wiedersehen würde. Tief in mir drin aber … wurde mir langsam klar, dass ich meine Eltern vermutlich nie wiedersehen würde.
Als ich hörte, dass wir endlich frei waren, hatte ich auch große Angst. Was würden wir da draußen vorfinden? … Wie benahm man sich in einer normalen Welt? … Wer würde sich um uns kümmern? Was sollten wir tun? … Wir brauchten jemanden, der sich um uns kümmerte, uns versorgte. Und ich selbst hatte die ganze Zeit auf meine kleine Schwester und ein anderes Mädchen aufgepasst. Mehr als alles andere wünschte ich mir, dass jemand kommen und mir die Last der Verantwortung für die beiden Mädchen abnehmen würde, damit ich mich nicht mehr alleine um sie kümmern müsste, nicht mehr allein verantwortlich wäre, damit ich endlich wieder unter dem Schutz eines Erwachsenen stünde. Es ist schwer, das zu erklären, aber ich wünschte mir jemanden, der auf mich aufpassen würde, wünschte mir eine Schulter zum Anlehnen. In diesem Moment lernte ich, dass Freiheit doch ein sehr relativer Begriff ist. … Wir würden uns unsere Zukunft neu aufbauen müssen, aber wie baut man sich eine Zukunft auf?
Aus: Yehudit Kleiman und Nina Springer-Aharoni, Die Qualen der Befreiung, Yad Vashem, Jerusalem, 1995, S. 45f.
Frage:
Warum hatte Eva Angst vor der Freiheit?


Hagit Lavsky, Historikerin, Hebräische Universität Jerusalem
Eines der erstaunlichsten Phänomene waren die vielen Hochzeiten und Geburten bei den Überlebenden. Es gibt statistische Analysen, die zeigen, dass die jüdischen Überlebenden weltweit Spitzenreiter waren, was die Geburtenrate nach dem Krieg betraf. … Im Sommer 1945 wurden im DP-Camp Belsen täglich fünf oder sechs Hochzeiten gefeiert. Viele Geburten lagen ganz nah am Hochzeitsdatum. Der Wunsch, schwanger zu werden, war für die Überlebenden ganz wichtig und zugleich alltäglich.
Aus: CD-ROM „Return to Life“, Yad Vashem, Jerusalem, 1996

Miriam Akavia: Es gibt Kontinuität
Unsere Tochter wurde geboren … Sie brachte so viel Freude in unser Leben. … Und ganz plötzlich sah ich in ihr die Augen meiner Mutter. Am nächsten Tag sah ich in ihr meinen Vater. Und so begriff ich, dass es doch so etwas wie Kontinuität gibt.“
Aus: CD-ROM „Return to Life“, Yad Vashem, Jerusalem, 1996
INFO: Die Überlebenden besaßen oft nicht einmal ein Foto ihrer umgekommenen Familienangehörigen.
Frage:
Welche Bedeutung hatten die Kinder für die Überlebenden?
Wie sahen die Eltern ihre Kinder und was bedeutete für sie Kontinuität?


Eliezer Adler: Der Lebenswille ist unglaublich
Eliezer Adler, 1923 im polnischen Belcz geboren, verbrachte den Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Zwangsarbeiterlagern. Als 22-Jähriger befreit, lebte er drei Jahre in einem Auffanglager für Überlebende, bevor er 1948 nach Israel ging. 
Der Lebenswille der Juden ist unglaublich. Die Menschen heirateten, sie bezogen eine Baracke und teilten sie in zehn winzige Räume auf, damit zehn Paare darin leben konnten. Der Wille zu leben war wichtiger als alles andere: „Trotz allem, was geschehen ist, bin ich noch am Leben und lebe mein Leben sogar intensiv.“ Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, überwältigt mich ein Gefühl des Staunens. Wir erzogen Kinder zu Menschen; wir brachten eine Zeitung heraus; wir hauchten diesen Knochen Leben ein. … Man wusste, dass man keine Familie mehr hatte, dass man ganz alleine war, dass man aber trotzdem etwas tun musste. Man war aktiv und dadurch beschäftigt. … Irgendwie war der Lebenswille in uns so stark, dass er uns am Leben erhielt. Ohne diesen Lebenswillen hätte es Selbstmorde gegeben. Wir befanden uns in einem Stadium, in dem wir aktiv sein mussten. Die Aktivität gab unserem Leben eine Bedeutung – und sie hielt uns am Leben.
Aus: Yad Vashem Archiv, 03/5426, S. 41-42 (Hebräisch)
Frage:
Wie erklärst du dir den enormen Lebenswillen der Überlebenden?


Abschlusstext 

Donia Rosen war 15 Jahre, als sie 1945 befreit wurde.
Sie wanderte nach Israel ein. Den folgenden Text schrieb sie als Jugendliche.

Ich bitte euch, die Verstorbenen nicht zu vergessen.

Ich bitte euch, eine Gedenkstätte in unserem Namen zu errichten, ein Monument, das bis in den Himmel reichen wird, damit es die ganze Welt sehen kann.
Nicht ein Denkmal aus Marmor oder Stein, sondern eines aus guten Taten,
denn ich glaube zutiefst und von ganzem Herzen daran, dass nur ein solches Monument euch und euren Kindern eine bessere Zukunft verheißen kann.
Nur dann können wir sicher sein, dass das Böse,
dass die Welt auf den Kopf stellte und
unsere Leben in eine Hölle verwandelte,
niemals wiederkehren wird.

Aus: Through our eyes. Children witness the Holocaust, hrsg. von Itzhak B. Tatelbaum, Yad Vashem, Jerusalem, 2004, S. 135

* Idee und Redaktion: Dr. Susanne Urban
   Beratung: Dr. Noa Mkayton, Shlomit Dunkelblum
  
Yad Vashem, 2005.

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