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Gern wäre ich geflogen – wie ein Schmetterling *

Idee und Redaktion: Shulamit Imber, Dr. Noa Mkayton

 

Zielgruppe: Schüler/innen des 3. und 4. Schuljahres

Lehrerbegleitheft und Stundenbild für vier Unterrichtsstunden

Vorbemerkung

Bei der Heranbildung der eigenen Identität und des kollektiven Bewusstseins der Jugendlichen in Israel kommt dem Holocaust eine zentrale Rolle zu. Daher setzt sich in der Pädagogik immer mehr der Trend durch, den Holocaust bereits mit Schüler/innen der niedrigeren Altersstufen im Unterricht zu behandeln. Die frühe Erstbegegnung mit diesem verstörenden Thema stellt sowohl pädagogisch als auch methodologisch eine Herausforderung für den Lehrer dar. Bedenken gegen die Holocaust-Erziehung im Grundschulalter sind nicht nur verständlich und völlig legitim, sondern geradezu notwendig, wenn über adäquate Prämissen nachgedacht wird, unter denen Erzieher erwägen, Acht- bis Neunjährige mit diesem Thema zu konfrontieren. Daher beginnen auch in Deutschland immer mehr Lehrer/innen, sich mit dieser Herausforderung auseinanderzusetzen und berufen sich dabei unter anderem auf folgende Argumente:

  1. Die Allgegenwärtigkeit des Holocaust in den Medien macht es unvermeidlich, dass Kinder und Jugendliche auf gänzlich unkontrollierbare Weise mit dem Thema konfrontiert werden. Fernsehbilder, Augenzeugenberichte, Hollywoodfilme oder Reportagen in den Printmedien werden im Zustand einer Halb-Informiertheit aufgeschnappt und ohne jegliche gesteuerte Betreuung den unfreiwilligen Konsumenten zur persönlichen Verarbeitung zugemutet. Auf diese nicht zu vermeidende Konfrontation ist das Kind besser vorbereitet, wenn es in einer behutsamen Erstbegegnung durch eine ihm bekannte Vertrauensperson an das Thema herangeführt wird.

  2. Durch diese unkontrollierte und inadäquate Konfrontation entsteht der von vielen Pädagogen beklagte Effekt der „Überfütterung“. Bereits in der Unterstufe äußern Schüler/innen, das Thema „nicht mehr hören zu können“, ohne dass bereits eine ernsthafte Auseinandersetzung im Klassenraum stattgefunden hätte. Die Ursache für dieses Phänomen scheint darin zu liegen, dass bei der oberflächlichen Begegnung mit dem Thema Holocaust den Kindern und Jugendlichen jegliche Möglichkeit zu einer Identifizierung verweigert wird. Damit sind sie den traumatisierenden Elementen des Holocaust schutzlos ausgeliefert. Auf dem Wege einer sorgfältigen Sensibilierung können die jungen Lernenden spezifisch auf ihre emotionale Kapazität abgestimmte Elemente des Holocaust verinnerlichen, während andere bewusst von ihnen ferngehalten werden. Dadurch wird ein Zugang ermöglicht, der zum einen die wirkliche Vertiefung von Kenntnissen erlaubt, und zum anderen die natürliche Neugier auf eine Erweiterung des erworbenen Wissens weckt.


  3. Wir erziehen die Kinder innerhalb des Rahmens, der vom kulturellen Gedächtnis unserer jeweiligen Gesellschaft geprägt ist, zu gesellschaftlich verabredeten Werten. Ob im jüdischen Narrativ mit der Geschichte der Väter aus der Thora, oder in Deutschland mit dem literarischen Grundkanon, beipielsweise den Märchen der Brüder Grimm: In diesen Texten wird in modellhafter Weise anhand drastischer Bilder das Konzept von Gut und Böse, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit entwickelt. Dies geschieht im jüdischen Literaturkanon beispielsweise anhand der Erzählungen des dramatischen Auszugs des jüdischen Volks aus Ägypten oder der Bindung Isaaks, im deutschsprachigen Kulturraum mit bekannten Märchenszenen, die – wenn sie nicht mit der gebotenen Sorgfalt und im entsprechenden situativen Rahmen erzählt werden – durchaus verstörende Wirkung bei den jungen Zuhörern auslösen können.
    Entscheidend ist, wie, auf welche Art und Weise erzählt wird. Erziehung ist ein durchaus nicht immer schmerzfreier Prozess. Das „Aufsparen“ des sowohl in Israel als auch in Deutschland (auf unterschiedliche Weise, aus unterschiedlichen Gründen) schmerzenden Gegenstands des Holocaust „für später“ kann zu einem abrupten, weil zu lange zurückgehaltenen Ausbruch führen, der die Jugendlichen kognitiv und vor allem emotional überfordert. Durch eine sorgfältige und früh genug einsetzende Begegnung mit dem Holocaust können Pädagogen und Erzieher dabei helfen, diese schmerzende, frustrierende, oft massiv mit inneren Abwehrmechanismen bekämpfte Konfrontation abzufedern.

Mit dem Buch „Gern wäre ich geflogen - wie ein Schmetterling“ versucht Yad Vashem, das Thema Holocaust auf eine Weise im Unterricht zu behandeln, die es den Schüler/innen ermöglicht, sich zum einen ein Stück weit mit der individuellen Lebensgeschichte eines in etwa gleichaltrigen Mädchens zu identifizieren, und zugleich mit den grundlegenden Elementen des Holocaust vertraut zu werden.
In dem Buch wird die persönliche Geschichte von Hanna Gofrit erzählt. Die Autorin, Naomi Morgenstern, hat Hanna Gofrits Zeugnis entsprechend dem pädagogischen Konzept der Internationalen Schule für Holcaust-Studien/Yad Vashem bearbeitet, um den Stoff so für Schüler/innen der 3. und 4. Jahrgangsstufe zugänglich zu machen.

Anmerkung : Es wird empfohlen, das hier vorliegende Begleitmaterial individuell den jeweiligen emotionalen und kognitiven Kapazitäten der Klasse sowie deren aktuellem Kenntnisstand anzupassen.
Methode : Gemeinsame Lektüre, Unterrichtsgespräch, abschließend kreatives Arbeiten
Dauer : Vier Unterrichtsstunden à 45 Min. (Es wird empfohlen, die Stunden auf drei Tage zu verteilen, wobei 3. und 4. Stunde unmittelbar aneinander anschließen sollen.)

Dieses Lehrerbegleitheft ist in zwei Teile untergliedert:

  1. Allgemeiner Teil: Kurze Erläuterung des pädagogischen Grundkonzepts, das der Unterrichtseinheit zugrunde liegt
  2. Didaktischer Teil: Stundenabriss für eine Unterrichtseinheit von vier Schulstunden

I. Allgemeiner Teil: Kurze Erläuterung des pädagogischen Grundkonzepts, das der Unterrichtseinheit zugrunde liegt

Im Folgenden werden einige pädagogische Prinzipien genannt, die in der Internationalen Schule für Holocaust-Pädagogik in Yad Vashem für die frühe Holocaust-Erziehung entwickelt wurden. (Das pädagogische Konzept ist als pdf-file auf der Website von Yad Vashem herunterzuladen: www.yadvashem.org.)

  1. Die Einheit muss von einem der Klasse vertrauten Lehrer oder Erzieher unterrichtet werden, denn es ist wichtig, dass den Schülern eine Bezugsperson zur Verfügung steht. Keinesfalls soll ein „Experte“ von außen geholt werden, den die Kinder nicht kennen. Die Stunde soll zudem im vertrauten Rahmen des Klassenraums stattfinden und nicht im Museum oder in einer Gedenkstätte.

  2. Den Kindern wird keine Geschichtsstunde erteilt. Der Holocaust wird über das Medium einer persönlichen Geschichte erzählt, deren Hauptfigur sich etwa im Alter der Zuhörer befindet. Damit ermöglicht der Lehrer, dass die Kinder den Protagonisten der Geschichte gegenüber Empathie aufbringen.

  3. Die Geschichte muss realistische und anschauliche Details enthalten, um diesen Einfühlungsprozess auf der Basis von Empathie zu erleichtern.

  4. Es muss sich um eine authentische, wahre Geschichte handeln, die wahrheitsgemäß und ohne dazuerfundene Elemente erzählt wird. Allerdings soll nicht alles erzählt werden, nicht das volle Ausmaß der Katastrophe. 6 Millionen Ermordete sind buchstäblich nicht zu fassen, das herausgenommene Schicksal eines Kindes dagegen wohl.

  5. Es ist von zentraler Bedeutung, dass der Geschichte das Element der Hoffnung innewohnt, weil die jungen Zuhörer dazu eingeladen werden, Empathie mit dem Protagonisten zu entwickeln und sich ein Stück weit zu identifizieren. Der optimistische Grundtenor spiegelt sich in den folgenden Elementen wider, die unbedingt in der Erzählung enthalten sein sollten:

    1. Der Protagonist muss ein Überlebender sein.
    2. Die Geschichte muss positive Werte enthalten und vermitteln (Zusammenhalt in der Familie, Hilfsbereitschaft der Nachbarn, persönliche Nähe und Wärme)
    3. In die Rettung der Figur sollte möglichst ein „Gerechter unter den Völkern“ involviert sein.

II. Didaktischer Teil: Stundenabriss für eine Unterrichts-          einheit von vier Schulstunden

II.1 Vorbemerkung: Das Thema Holocaust altersgemäß unterrichten

Dieses Buch, sowie all unsere anderen Unterrichtseinheiten, basieren auf unserem Konzept eines altersgemäßen, gleichsam spiralförmig angelegten pädagogischen Ansatzes. Dieser Ansatz begleitet die Schüler vom Grundschulalter bis zur Behandlung des Holocaust auf der Oberstufe und ist zugeschnitten auf die jeweiligen Bedürfnisse und emotionalen sowie kognitiven Fähigkeiten der Schüler/innen. Die Unterrichtseinheit „Hannale’s Rescue“ beispielsweise, eine von Yad Vashem für den ersten Einstieg im frühen Grundschulalter entwickelte Einheit, fokussiert die persönliche Geschichte eines Individuums im Holocaust.
In der vorliegenden Unterrichtseinheit „Gern wäre ich geflogen – wie ein Schmetterling“ wird die Perspektive bereits auf die Geschichte einer Familie erweitert. In höheren Klassenstufen soll das Schicksal einer Gemeinde, und später einer gesamten Nation bzw. der komplexe historische Prozess als solcher behandelt werden.
Dabei ist wichtig, dass in jeder Unterrichtseinheit die gesamte Geschichte angelegt ist, jedoch in altersgemäßem Zuschnitt, mit jeweils unterschiedlichem Schwerpunkt.
Schematisch lässt sich dies wie folgt darstellen:

1./2. Schuljahr 3. bis 5. Schuljahr 6. bis 8. Schuljahr Ab 9. Schuljahr
Das Individuum Die Familie Die Gemeinde Die Nation und der historische Prozess

II.2 „Gern wäre ich geflogen – wie ein Schmetterling“

Zum Konzept der Unterrichtseinheit:

  1. Das Buch handelt von der persönlichen Geschichte von Hannah Gofrit und ihrer Familie. Über das Medium der Familiengeschichte lernt der Leser auf altersgemäße Art und Weise die zentralen Eckpunkte der Geschichte des Holocaust kennen.

  2. Das Buch führt dem Leser die elementaren Konzepte und Grundbegriffe des Holocaust vor Augen, zum Beispiel: Kennzeichnung der Juden mit dem gelben Stern, Ghetto, Vertreibung, Aufstand, Versteck, Gerechte unter den Völkern, Tod und Überleben. Diese Konzepte und Begriffe werden im späteren Geschichtsunterricht in vertiefter Weise behandelt.
    Ziel in dieser Altersgruppe ist es nicht, die Geschichte des Holocaust zu vermitteln, sondern die Schüler mit den elementaren Konzepten, die in der Geschichte Hannah Gofrits enthalten sind, vertraut zu machen.

  3. Das Buch ist in Kapitel aufgeteilt, die die fortlaufende Geschichte von Hannahs Leben erzählen. Jedes Kapitel ist einem eigenen Thema gewidmet. Es ist nicht notwendig, sämtliche Kapitel zu unterrichten, und das Auslassen einzelner Kapitel beeinträchtigt nicht notwendig den kontinuierlichen Erzählfluss. Die Kapitel, die mit der jeweiligen Klasse besprochen werden sollen, sind sorgfältig auszuwählen.

  4. Während der gesamten Geschichte begleitet die erwachsene Figur der Hannah den jungen Leser. Auf diese Weise bleiben die Schüler nicht sich selbst überlassen, wenn sie die furchtbare Geschichte kennenlernen.

  5. Das Buch erzählt Hannahs Geschichte vor, während und nach dem Holocaust. Damit werden wir der Überzeugung gerecht, dass wir, um das Ausmaß des Verlustes erfassen zu können, vertraut sein müssen mit jüdischem Leben vor dem Holocaust.

II.3 Stundenablauf

Stunde 1: Gemeinsame Lektüre (S. 1-13)

1.Kapitel (S. 1-4): Kindheit vor dem Krieg (Farbe: rosa)

Seite 1-2 (Hannah stellt sich vor):

Anmerkung für den Lehrer:

Auf der ersten Seite offenbart Hannah ihre Identität wie auf einer Kennkarte: ihren Namen, den Namen ihrer Eltern, ihren früheren Kosenamen, ihre Geburtsstadt in Polen und die Tatsache, dass während ihrer Kindheit Juden und Polen in der Stadt zusammen lebten. Diese Informationen bilden die Einführung zu dem Buch und gleichsam zu Hannahs Person, die den Leser durch die Geschichte begleitet, sowie den Hintergrund zu der Welt, die Hannah im Krieg verloren hat.

Der Lehrer bittet die Kinder, das Buch auf den Seiten 1-2 zu öffnen, und die beiden Photos zu betrachten. Dabei erzählt er in einer Weise, die die Neugier der Kinder weckt, von Hannah und ihren Eltern Herschel und Sissel Herschkowitz, die ihr Kind bei dem Kosenamen Haneczka riefen. Die Familie lebte in der kleinen polnischen Stadt Biala Ravska, in der damals Juden und Polen zusammen lebten.

Variante/Anmerkung für den Lehrer:

Diese Stunde kann auch mit der Betrachtung und Lektüre der letzten Seite (S. 36) begonnen werden. Hier wird Hannah Gofrith als Großmutter vorgestellt, die in Tel Aviv (Israel) lebt und auf dem Foto mit ihrem Sohn und ihren Enkelkindern zu sehen ist.
Dieser Einstieg ist schonender für die Schüler: Sie nehmen die Geschichte von Anfang an in der Gewissheit auf, dass sie ein sicheres und vertrautes Ende hat, von dem aus nun zurück gegangen wird in die Zeit, in der sich die schreckliche Geschichte selbst abspielte.
Der Einstieg in die Geschichte mit der Beschreibung der Vorkriegszeit (S. 1-2, siehe oben) bietet dem jungen Leser weniger Schutz, da er weniger Klarheit über den Ausgang der Geschichte hat.
Wer sich für diese Variante entscheidet, setzt die Stunde fort mit dem Einstieg wie oben beschrieben.


Seite 3-4 (Hannahs Kindheit vor dem Krieg):

Anmerkung für den Lehrer:

Auf diesen Seiten erfährt der Leser mehr über Hannahs Leben und die polnische Stadt, in der sie vor dem Krieg lebte. Dieser Abschnitt enthält vier wichtige Elemente:

1. Die Vorkriegswelt
Hannah wuchs in einer Welt auf, die seit dem Holocaust so nicht mehr existiert. Die Namen der Menschen und Orte, die Hannah in der Geschichte nennt, sind uns heute nicht vertraut, und niemand mehr benutzt sie. Sie bilden ein wesentliches Element: Über das Vertrautwerden mit diesen Namen machen wir uns vertraut mit Hannahs Welt, in der diese Namen ein Teil der Sprache der Menschen waren, und beginnen, diese Welt zu respektieren.

2. Die Stadt
Durch Hannahs Beschreibung bekommen die Schüler einen Eindruck von der Stadt, so wie Hannah sich an sie erinnert: eine kleine Stadt malerischen Charakters und mit heimeliger Atmosphäre.

3. Eine gewöhnliche Kindheit
Die Schüler verstehen, dass Hannah trotz des Etiketts „Überlebende des Holocaust“ bis zu dem Augenblick, in dem der Krieg ausbrach, eine gewöhnliche Kindheit hatte.

4. Kriegsausbruch und Verlust der Kindheit
Der letzte Absatz dieses Kapitels ist entscheidend für das Verständnis, dass der Krieg schlagartig die glückliche Kindheit Hannahs und die vieler anderer Überlebender des Holocaust beendete.


Impuls Erwartungshorizont möglicher Antworten
Beschreibt das Kind Hannah Gewöhnlich, begabt (Lieder und Gedichte), glücklich, geliebt
War Hannahs Kindheit der deinen ähnlich? Ähnlichkeiten: Spiele, Lieder, typische Kinderbeschäftigungen
Unterschiede: Als jüdisches Kind unter Nicht-Juden, Leben in einer Minderheit
Wie beschreibt Hannah das Leben in ihrer Stadt? Malerische Kleinstadt mit Fluss und Marktplatz, gemischte jüdische und nicht-jüdische Bevölkerung
Wie beschreibt sie ihr Verhältnis zu den polnischen (nicht-jüdischen) Nachbarn?

Das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden bildet einen festen Bestandteil in Hannahs Leben. Ihre beste Freundin Marischa ist Polin.
Wie beschreibt Hannah den Kriegsausbruch? Abruptes Abbrechen der Kindheit, komplette Veränderung ihrer Situation (Erst im Laufe des Buches wird das Ausmaß klar.)

2.Kapitel (S. 5-6): Besetzung der Stadt, Kennzeichnung der Juden mit dem gelben Stern (Farbe: gelb)

Anmerkung für den Lehrer:

Im vorangegangenen Kapitel sagt Hannah, ihre Welt sei zusammengebrochen. Der Kriegsausbruch bedeutete einen Wendepunkt ihrer Kindheit. Diese Beschreibung ist charakteristisch für viele Zeugenberichte Überlebender, die ihre Kindheit im Rückblick aufspalten in ihre „normale“ Kindheit und die Zeit, in der diese durch Verfolgung und Krieg massiv erschüttert und schließlich abgebrochen wurde.
In diesem Kapitel begegnet Hannah erstmals dem Konzept des „Gelben Sterns“, den Hannahs Mutter an ihrem Mantel und dem ihres Mannes – Hannahs Vater – annäht. Hannah stellt neugierige Fragen zu dem Stern, einer ihr bislang unbekannten Realität, erhält aber eine ungeduldige und gereizte Reaktion und im Grunde keine wirkliche Antwort auf ihre Fragen.
Von dem kurzen, angespannten Dialog zwischen Hannah und ihrer Mutter können die Schüler noch nicht die volle Bedeutung und die historischen Hintergründe der Anordnung zur Kennzeichnung der Juden mit dem „Gelben Stern“ ableiten. Dies wird erst im weiteren Verlauf der Lektüre klar werden. An diesem Punkt der Geschichte soll lediglich begriffen werden, dass der „Gelbe Stern“ Spannungen und Verunsicherung verursacht und für Hannah und ihre Familie eine böse Neuigkeit darstellt.
Die Juden werden von Anordnungen und Restriktionen bedrängt, und Hannah ist mit einer neuen, ihr völlig unvertrauten Situation konfrontiert. Sie ist gezwungen, sich in einer komplexen Realität zurechtzufinden, ohne auf all ihre Fragen Antworten zu erhalten. Die Zeichnung am Ende des Kapitels verdeutlicht, dass nun neue, unveränderliche Tatsachen geschaffen wurden, an denen nicht zu rütteln ist. Obwohl wir nicht allzu viel erfahren darüber, was Hannah empfindet, so verstehen wir doch anhand des kurzen Dialogs zwischen ihr und ihrer Mutter, warum nach Hannahs Empfinden ihre Kindheit damals endete.
Gemäß unseres altersangepassten pädagogischen Ansatzes ist die Beschreibung der Atmosphäre, in der das Gespräch über den gelben Stern zwischen Hannah und ihrer Mutter abläuft, ausreichend, um in dieser Altersstufe ein erstes Verständnis zu erreichen. Zusätzliche historische Hintergründe werden in höheren Klassenstufen gegeben.


Impuls Erwartungshorizont möglicher Antworten
Warum reagiert Hannahs Mutter gereizt auf Hannahs Fragen?

Angst der Mutter vor Krieg, dem “Gelben Stern“, der Zukunft. Ungewissheit über die exakte Bedeutung der einzelnen Anordnungen, globales Gefühl der Bedrohung.
Ungehaltenheit der Mutter, weil sie spürt, dass sie keine guten Antworten für ihre Tochter hat.

3.Kapitel (S. 7-9): Umsiedlung der Juden ins Ghetto (Farbe: blau)

Anmerkung für den Lehrer:

Dieses Kapitel behandelt das Thema der Ghettos. Drei Gesichtspunkte sind hier von Bedeutung:
1. Von der Geschichte des Einzelnen zur Geschichte des Holocaust:
Bis zu diesem Punkt standen Hannah und ihre Familie im Zentrum. Dieses Kapitel weicht in gewisser Weise vom Hauptstrang der Geschichte ab, da Hannahs Familie selbst nicht im Ghetto lebte. Die Abweichung ist also bewusst eingeschaltet, um den Leser auch mit dem Konzept Ghetto vertraut zu machen. Das Leben der Mehrheit der Juden, die ins Ghetto umgesiedelt wurden, wird durch das Schicksal von Hannahs entfernter Familie (Großmutter, Tanten, Onkel und Cousine) illustriert.

2. Das Thema wird schrittweise eingeführt:
Zunächst wird erzählt, wie die Juden im Ghetto gezwungen waren, ihr Eigentum weit unter Wert zu verkaufen, etwas später wird erwähnt, dass „viel zu wenig“ Lebensmittel ins Ghetto gelangten, und erst am Ende des Kapitels wird explizit klar, dass Hannahs Mutter Suppe „an die hungernden Familien verteilte.“
Diese schrittweise Hinführung hilft den Schülern, mit dem Thema Ghetto und den schwierigen Lebensumständen dort besser zurechtzukommen.

3. Die besondere Stellung von Hannahs Familie bietet einen erweiterten Blick auf das Phänomen Ghetto.
Der Schüler gewinnt einen Einblick in die schwierigen, und manchmal ungleichen Bedingungen, unter denen Juden im Ghetto lebten, sowie in die gegenseitige Hilfsbereitschaft unter den Juden. Das besondere Schicksal von Hannahs Familie lässt sich durch die allgemeine Geschichte nachvollziehen, und durch die Ausnahmesituation wird die Regel sichtbar.


Impuls Erwartungshorizont möglicher Antworten
Wie beschreibt Hannah die Situation im Ghetto?

Verbot, das Ghetto zu verlassen, Hunger, Schwarzmarkt.
Ungleiche Bedingungen: Hannahs Familie zunächst bessergestellt, unterstützt konsequent und gewissenhaft die bedürftigen Menschen im Ghetto
Warum musste Hannahs Familie nicht ins Ghetto ziehen?

Interesse der Nazis, die handwerkliche Begabung der Näherin für ihre Zwecke auszunutzen, daher Erlaubnis, außerhalb des Ghettos zu wohnen.

5.Kapitel (S. 12-13): Hannahs Ausschluss von der Schule (Farbe: grün)

Anmerkung für den Lehrer:

Mit diesem Kapitel rückt wieder Hannahs persönliche Geschichte in den Mittelpunkt des Geschehens. Als Sechsjährige geht sie am ersten Schultag gemeinsam mit ihrer polnischen Freundin Marischa zur Schule, wird aber als Jüdin nicht eingelassen und öffentlich vor allen Kindern auf demütigende Weise abgewiesen.
Das Kapitel enthält vier wichtige Elemente:

1. Die Bedeutung des “Gelben Sterns“
Zunächst scheint es, als würde die Geschichte eines gewöhnlichen Schulanfangs einer Erstklässlerin erzählt werden. Bald stellt sich jedoch heraus, dass die Tatsache, dass Hannah jüdisch ist, ihr ein außergewöhnliches Schicksal vorausdiktiert, anders als das ihrer polnischen Freunde, und sie vom Schulbesuch abhält. Auf diese Weise wird die Bedeutung des „Gelben Sterns“, die im vorausgehenden Kapitel noch unklar bleibt, deutlich: Er isoliert und demütigt die Juden. Dies betrifft nicht nur die Gruppe der Juden im Allgemeinen: Diesmal erfährt Hannah eine persönliche Verletzung.

2. Zuschauer und Mitläufer
Dieses Kapitel erzählt auch über jene, die als Zuschauer oder Mitläufer Zeugen des Mordes an den Juden wurden. Der Schuldiener, den Hannah schon aus der Zeit vor dem Krieg kennt, hält sie davon ab, die Schule zu betreten. Dies bedeutet einen Vetrauensbruch an Hannah: Nach bisherigen Normen sind es die Erwachsenen, die die Kinder in Schutz nehmen. Hier verletzt der Schuldiener Hannah in aller Öffentlichkeit, und dazu kommt, dass ihre dabei stehenden Freunde sie ignorieren und ihr nicht zur Hilfe kommen.

3. Rollentausch zwischen Hannah und ihren Eltern
Hannah schützt ihre Eltern, indem sie ihnen verschweigt, dass der Schuldiener sie abgewiesen hat – vielleicht, um sie nicht zusätzlich zu bedrücken. Während des Holocaust gerieten Kinder in vielen Fällen in die Lage, ihre Eltern schützen und manchmal sogar unterstützen zu müssen. Die natürliche Ordnung, nach der Eltern ihre Kinder schützen und begleiten, war in vielen Fällen verdreht.

4. Die Erinnerung an den Vater
Von der zärtlichen, warmen Erinnerung, die Hannah an ihren Vater hat, kann ein wenig Trost abgeleitet werden. Obwohl der Vater, wie aus dem weiteren Verlauf der Geschichte hervorgeht, nicht überlebte, prägt die vor allem von ihm erdachte und durchgeführte, liebevolle Alternative zu dem Unterricht, von dem Hannah so schroff abgewiesen wurde, entscheidend Hannahs Kindheitserinnerungen, vor allem jene an den Vater. Diese begleiten Hannah durch ihr gesamtes Leben und bilden damit den Trost, dass die Nazis zwar Hannahs Vater ermordet haben, Hannahs Erinnerung an ihn aber nicht auslöschen konnten.


Impuls

Erwartungshorizont möglicher Antworten
Was fühlt Hannah in dem Moment, als der Schuldiener ihr den Eintritt in die Schule verwehrt? Hannah spürt den Vertrauensbruch. Normverletzung: Statt Schutz erfährt sie Demütigung vor all ihren Freunden durch einen Erwachsenen. Isoliertheit.
Was fühlt Hannah ihrer Freundin Marischa und den anderen Kindern gegenüber? Auch hier Vertrauensbruch: Ihre Erwartungen an ihre Freunde werden enttäuscht.
Warum sagt Hannah ihren Eltern nicht die Wahrheit? Hannah will sie nicht bedrücken. Wieder Normverletzung: Das Kind beschützt die Eltern, nicht umgekehrt.
Worin liegt die Bedeutung von Hannahs Erklärung „Ich weinte nicht!“ Hannah kann bereits im Alter von sechs Jahren kein Kind mehr sein. Plötzliche Frühreife ist ein typisches Phänomen bei Kindern, die während des Holocaust aufwuchsen. Hannah beschützt ihre Eltern, und sie weint nicht, wenn sie verletzt wird.
Gleichzeitig versuchen ihre Eltern, ihrem Kind weiterhin ein „normales“ Umfeld zu bieten: feierlicher, fröhlicher „Schulbeginn“ zu Hause.

Stunde 2: Gemeinsame Lektüre (S. 14-25)

6.Kapitel (S. 14-15): Deportation der Juden der Stadt (Farbe: grau)

Anmerkung für den Lehrer:

In diesem Kapitel wird wieder abgewichen vom Hauptstrang der Geschichte (Hannahs Familie) zur allgemeinen Geschichte der polnischen Juden. Zwei Gesichtspunkte sind hervorzuheben:

1. Die Deportation der Juden in das Vernichtungslager Treblinka
Hannah verliert ihre gesamte entfernte Familie, wobei die polnische Bevölkerung (hier: die Fahrer der Pferdewagen) gleichgültig zusehen und mit den Deutschen kollaborieren.
Das Kapitel geht jedoch nicht ins Detail, was die Beschreibung der Vernichtungslager und die Ermordung der Juden anbelangt. Dieser Vorgang wird erwähnt, aber nicht vertieft, um die Schüler emotional nicht zu überfordern.
Manche Lehrer halten es vielleicht für verfrüht, den Massenmord an den Juden zu erwähnen. Sie sollten dann das Kapitel überspringen und mit dem darauffolgenden Kapitel fortfahren. Anderen Lehrern mag es wichtig erscheinen, ihrer Klasse diese Information zu geben. Wir empfehlen, die Frage, ob dieses schwierige Kapitel in der Klasse gelesen oder übersprungen werden soll, im Voraus gründlich zu erwägen.

2. Die Erinnerung an die verlorene Welt
Hannah beschreibt, wie Fotografien der deportierten Juden verstreut auf der Straße vor dem Fotoatelier liegen. In zwei Sätzen wird hier die Frage nach dem Gedenken an den Holocaust und der Erinnerung an die verlorene jüdische Welt vor dem Holocaust aufgeworfen. Hier ist Raum für eine Diskussion mit den Schülern darüber gegeben, wie wir die Erinnerung an die ermordeten Juden, deren Fotografien im Wind verstreut wurden, lebendig erhalten können.


Impuls Erwartungshorizont möglicher Antworten
Was wird Hannah wohl empfinden, als sie ihre beiden Eltern weinen sieht? Ist es normal, die Eltern weinen zu sehen? Schwierig für Kinder, die Eltern weinen zu sehen, und in den meisten Familien unüblich und verbunden mit traumatischen Wendepunkten im Leben der Familie
Im ersten Kapitel erfahren wir, dass Juden und Polen in Biala Rawska gute nachbarschaftliche Beziehungen hatten. Was wird hier in diesem Kapitel beschrieben? Die polnischen Fahrer der Deportationswagen brachten ihre jüdischen Nachbarn an ein ihnen unbekanntes Ziel. Gleichgültigkeit der Polen dem Schicksal der Juden gegenüber.
Warum erwähnt Hannah die Fotografien aus dem Fotoatelier? Die verstreuten Bilder symbolisieren den Verlust der jüdischen Welt. Das jüdische Volk sollte spurlos vernichtet werden, es sollten kein Grab, kein Denkmal, keine persönlichen Dokumente/Fotografien das jüdische Leben bezeugen.

Fortsetzung

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