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Gern wäre ich geflogen – wie ein Schmetterling

Die Geschichte von Hannah Gofrith
Erzählt von Naomie Morgenstern

 

Textprobe: Kapitel 1

Hallo – mein Name ist Hannah.
Als ich klein war, nannte man mich Haneczka.

Ich bin die Tochter von Herschel und Sissel Herschkowitz, und ich bin 1935 in Polen geboren. Alle Mitglieder meiner Familie waren und sind Juden.
Die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte ich im polnischen Städtchen Biala Ravska, wo Juden und Polen schon seit vielen Jahren gemeinsam gelebt hatten. Meine Eltern und ich wohnten in einem Haus an der Hauptstraße. Direkt gegenüber lebte die jüdische Familie Neumann. Meine Oma wohnte mitten in der Stadt, in der Nähe des Marktplatzes, und meine Tanten mit ihren Familien in einem anderen Viertel.

Meine besten Freunde waren Marischa, Janek und Bascha, die Kinder unserer polnischen Nachbarn. Wir spielten gerne Verstecken. Mein Lieblingsversteck waren die herabhängenden Äste der Bäume hinter dem Haus. Dort beobachtete ich Grashüpfer und andere Insekten, wie sie Nahrung zu ihren Schlupflöchern brachten. Manchmal war ich so sehr damit beschäftigt, dass ich darüber meine Freunde völlig vergaß. Erst wenn Marischa und Janek mich riefen, erinnerte ich mich an unser Spiel.

Am Rande der Stadt gab es einen Fluss. Im Winter, wenn er eine dicke Eisdecke hatte, gingen wir Schlittschuh laufen. Im Frühling, wenn das Eis schmolz, ließen wir Papierschiffchen schwimmen und rannten ihnen am Ufer so lange nach, bis wir sie aus den Augen verloren.

Die Leute in der Stadt mochten mich sehr. Ich war ein frohes, glückliches Kind mit lockigen Haaren und roten Wangen. Wen ich auch traf, jeder fragte mich, wie es mir ginge, streichelte mein Haar oder kniff mir freundlich in die Wangen. Ich kannte viele polnische Lieder und Gedichte auswendig. Wenn ich mit meinen Eltern Freunde oder Verwandte besuchte, sah meine Mama es gern, dass ich etwas vorsang oder aufsagte. Nicht immer hatte ich Lust dazu. Oft wollte ich lieber einfach mit den Kindern weiterspielen.

Dieses Leben veränderte sich plötzlich. Es passierten Dinge, die mich dazu brachten, alle Lieder, Gedichte und Spiele zu vergessen, die ich so gut gekannt hatte. Ein schrecklicher Krieg brach aus, und meine wunderbare Kindheit war zu Ende.

 

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